Bericht Manfred Bierbauer, WN/OZ 14. Mai 2020

Birkenau. Bürgermeister Helmut Morr sprach von einem „Jahrhundertprojekt“, der Vorsitzende der Gemeindevertretung, Volker Buser, von einem „ganz, ganz wichtigen Tag“. Übertrieben haben beide nicht: Der gestrige 13. Mai 2020 ist ein Datum, das in der Geschichte von Birkenau einen festen Platz einnehmen wird. Genau um 11.39 Uhr durchschnitt der Bürgermeister mit einer riesigen Schere das Absperrband und gab damit unter dem Applaus der Gäste die Innerörtliche Gemeindestraße (IöG) für den Verkehr frei.


Sowohl Schere als auch das Band, das einige der wichtigsten Eckdaten aus der Geschichte der Straße trägt, waren eigens für den gestrigen Tag angefertigt worden. Zudem ist auf dem Band noch die Bezeichnung „Am Klingelbach“ zu lesen. So könnte die Straße nach einer Idee von Helmut Morr einmal heißen, wenn die Gemeindevertretung diesem Vorschlag zustimmt.


Obwohl die IöG eines der wichtigsten Projekte der vergangenen Jahrzehnte für Birkenau ist, konnte die Freigabe wegen der Corona-Krise nur in einem kleinen Rahmen gefeiert werden. Neben Vertretern der Planungsgesellschaft MVV Regioplan und der Baufirma Leonhard Weis konnte Morr mit Volker Buser (CDU), Bernd Brockenauer (SPD), Klaus Elflein (Bündnis 90/Die Grünen), Peter Lindner (Freie Wähler) und Seàn O’Donovan (FDP) Repräsentanten aller fünf Fraktionen der Gemeindevertretung begrüßen. Zu gegebener Zeit, sagte der Bürgermeister, werde die Feierstunde in größerem Rahmen nachgeholt, möglicherweise im Zusammenhang mit der Einweihung des neuen Lindenplatzes.


Eingabe von Adam Jakob

Bereits im Jahr 1936 habe der damalige Bürgermeister Adam Jakob eine Eingabe an das Kreisbauamt gemacht, in der er darum gebeten habe, im Bereich Obergasse/Kreuzgasse ein Parkverbot anzuordnen. Die Obergasse nach Ober-Abtsteinach sei, obwohl als „Provinzialstraße“ ausgewiesen, eben doch nur eine schmale Gasse. Von diesem Zeitpunkt an sei der Bau einer Ortsumgehung in Erwägung gezogen worden. Seit dieser Zeit hätten sich die Bürgermeister German Guby, Georg Hirt, Adam Weber, Karl Stief, Willy Flemming, Albert Kanz und Ingrid Berbner um die Straße bemüht. „Daher bin ich stolz darauf, dass wir jetzt gemeinsam dieses Projekt geplant, gebaut, verwirklicht und freigegeben haben“, sagte Morr. Die Verwaltung habe in der fast 15-monatigen Bauzeit Enormes geleistet, unter anderem habe jede Woche vor Ort ein Baustellengespräch stattgefunden. Daher gelte sein Dank insbesondere Tina Meyer, Stephan Bruckner, Rose Baumgartner, Torsten Beilstein, Klaus Tritsch, Tobias Wiegand und nicht zuletzt Kämmerer Volker Schäfer. Morr dankte auch der MVV Regioplan und der bauausführenden Firma Weis. „Es ist erstaunlich, mit welcher Geschwindigkeit Sie die Straße umgesetzt haben“, sagte Morr an die Mitarbeiter des Bauunternehmens gewandt. Weiter dankte er den Anwohnern, die „durch Lärm und Staub gehörig gebeutelt“ worden seien. Und: „Ohne unsere Politik wäre das Ganze nicht gegangen. Sie haben die entsprechenden Beschlüsse gefasst und die Mittel freigegeben.“


„Unwürdiger Zustand“

Auch Gemeindevertretervorsitzender Buser richtete seinen Blick zunächst in die Vergangenheit. Die Historie der Straße habe mit den ersten Ideen und Vorstellungen im Jahr 1920 begonnen. Schon damals habe man das Ziel gehabt, den Verkehr aus dem Ortskern zu verbannen. Immer wieder sei der „unwürdige Verkehrszustand“ angeprangert, immer wieder auf die Breite der Straße und die nicht vorhandenen Ausweichmöglichkeiten hingewiesen worden. „Trotzdem wurde der Bau der Straße immer wieder verschoben, blockiert und hinausgezögert.“ 1994 sei dann der Traum von einer Landesstraße geplatzt: Das hessische Verkehrsministerium habe das Vorhaben gänzlich abgelehnt.

Gemeinde und Politik hätten sich zwangsläufig zur Entscheidung durchgerungen, den Bau in eigener Regie durchzuführen. Buser listete die entscheidenden Schritte auf, die der Verwirklichung der IöG vorangegangen waren. Er erinnerte an die wichtigsten Beschlüsse der Gemeindevertretung, aber auch an viele Diskussionen über Befürchtungen und Anliegen der Bürger.

„Bis hier und heute war es ein langer Weg.“ Er danke allen, die sich in den vergangenen 100 Jahren mit ihrem Einsatz für die Straße stark gemacht hätten. „Ich danke auch Bürgermeister Morr, dem Gemeindevorstand, der Gemeindevertretung und der Verwaltung für ihren Mut und für die Entscheidungen, diese Straße zu bauen und zu finanzieren“, schloss Buser seine Ausführungen. Von einem „besonderen, wichtigen und historischen Tag“ sprach Bernd Brockenauer in seiner Funktion als Ortsvorsteher von Birkenau-Mitte und Kallstadt. Die Mehrheit des Ortsbeirats habe den Bau der IöG immer unterstützt, weil sie eine wirksame Entlastung für den alten Ortskern mit sich bringe.


Große Herausforderung

Als Vertreter der MVV Regioplan blickte Gregor Volker auf das Jahr 2010 zurück, als die Gemeinde den Auftrag zur Planung erteilt habe. Dies sei kein gewöhnlicher Auftrag gewesen, vielmehr habe das schwierige Terrain eine große Herausforderung für die Planer bedeutet. Gleichzeitig erinnerte Völker an die „Highlights“ während der Bauarbeiten. So seien im Juni des vergangenen Jahres mithilfe gigantischer Kräne riesige L-Steine an den Bahngleisen gesetzt worden. In drei Nächten, jeweils von 22 bis um 5 Uhr, also zu einer Zeit, als keine Züge unterwegs waren, seien die anspruchsvollen Arbeiten durchgeführt worden. Aufwändig sei auch die Errichtung der bis zu acht Meter hohen Blocksteinwände gewesen. Als weiteren Einschnitt nannte Völker den Abriss des Anwesens Lindenstraße 5, die Versetzung der alten Linde und die Vollsperrung der Obergasse zu Beginn des Jahres 2020.


Die Firma Weis habe eine „höchst professionelle Arbeit“ geleistet: „Hut ab!“ Für ihn als „Neu-Birkenauer“ – Völker wohnt seit 2008 in der Sonnenuhrengemeinde – sei das ganze Projekt auch eine Herzensangelegenheit gewesen.

Auf YouTube ist ein Gespräch mit Bürgermeister Helmut Morr zu sehen, das unsere Online-Redaktion geführt hat. Wer das Kurzinterview sehen möchte, scannt mit seiner Smartphone-Kamera den nebenstehenden QR-Code oder schaut direkt auf Youtube im Kanal von WN und OZ.

Letzte Änderung: 19.05.2020 08:07 Uhr