Gemeinde Birkenau informiert über die Erhöhung der Wassergebühren

Die Gemeinde Birkenau steht wie viele Kommunen vor der Herausforderung, eine sichere, qualitativ hochwertige und gleichzeitig bezahlbare Wasserversorgung zu gewährleisten. In den vergangenen Jahren ist deutlich geworden, dass dies aufgrund einer veralteten Infrastruktur, steigender Kosten und rechtlicher Vorgaben nur mit einer Anpassung der Wassergebühren möglich ist. Die im Dezember 2025 beschlossenen Wassergebühren spiegeln daher nicht nur den Wert des Trinkwassers wider, sondern drücken in Zahlen auch den maroden Zustand unserer Infrastruktur aus. Gleichzeitig hat die Gemeinde eine umfassende Modernisierung ihrer Wasserversorgung auf den Weg gebracht, um langfristig die Kosten zu senken und nachhaltig mit der Ressource „Wasser“ umzugehen.
Birkenau ist nicht „Spitzenreiter“ bei den Gebühren
Zunächst ist wichtig festzuhalten: Birkenau ist nicht die Kommune mit den höchsten Wassergebühren. Allein im Kreis Bergstraße gibt es mindestens eine Kommune mit höheren Gebühren. Gleichzeitig lassen sich die Kommunen nicht einfach vergleichen. Ob eine zentrale oder dezentrale Versorgungsstruktur vorliegt und wie die Topographie vor Ort ist, hat erheblichen Einfluss auf die laufenden Kosten einer Wasserversorgung. Denn dezentrale Strukturen sind aufwendiger zu betreiben, weil mehr Leitungen, Pumpen und Speicher zu betreuen sind und der Wartungsaufwand höher ist.
Wasserversorgung in Birkenau: Mehr als „Wasser aus dem Wasserhahn“
Birkenau betreibt eine eigenständige, dezentrale Wasserversorgung mit 13 Grundwasserbrunnen und 6 Quellen, 8 Speicherbehältern, 4 Pumpwerken und 2 Druckerhöhungsanlagen. Sie versorgt 6 Ortsteile mit Höhenunterschieden von über 200 Metern. Mehr als 3.000 Hausanschlüsse werden über ein über 90 Kilometer (ohne Hausanschlussleitungen) langes Leitungsnetz versorgt. Neben der Trinkwasserversorgung sichert das Netz auch die Löschwasserversorgung in Birkenau: Nahezu 600 Hydranten müssen regelmäßig kontrolliert, gewartet und erneuert werden.
Diese Art der Anlagenstruktur ist damit kostenintensiver als die über wenige zentrale Brunnen in topographisch günstiger gelegenen Städten wie z.B. in Weinheim.
Die Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser und die Sicherstellung der Löschwasserversorgung sind Aufgaben der kommunalen Daseinsvorsorge. In Birkenau übernimmt dies ein eigenes qualifiziertes Team von fünf Fachkräften, die sich gegenseitig vertreten können müssen.
Zu ihren Aufgaben gehören unter anderem: Die Sicherstellung, Überwachung und der Betrieb einer ausreichenden Wasserversorgung, die Instandhaltung des weit verzweigten Wassernetzes und der zugehörigen Anlagen, und vor allem ein 24-Stunden-Notfalldienst, der bei Störungen und Rohrbrüchen schnell reagieren kann. Ebenso gehören die Einhaltung sämtlicher rechtlicher Vorgaben dazu, um Trinkwasser in geprüfter Qualität zu liefern und die Pflege und Erneuerung der Hydranten zur Sicherstellung des Brandschutzes.
Marode Infrastruktur, hoher Sanierungsstau und Wasserverluste
Die meisten Wasserleitungen und Anlagen in Birkenau stammen aus den 1950er -60er und -70er Jahren. Ihre rechnerische Lebensdauer ist in vielen Fällen überschritten und wurden nicht erneuert. Rohre und Anlagen wurden lange Zeit meist nur notdürftig repariert. In der Folge kam es zu den zahlreichen Rohrbrüchen: Allein im Jahr 2024 wurden über 50 Rohrbrüche verzeichnet, im Jahr 2025 waren es fast 50. Auch das Jahr 2026 hat direkt mit einem Wasserrohrbruch begonnen.
Die Folgen sind für alle Bürgerinnen und Bürger direkt spürbar: Straßenarbeiten für den Leitungsersatz führen zu Verkehrsbehinderungen, Anwohnerinnen und Anwohner können zeitweise kein Wasser nutzen, bei Schäden kann es zu Beeinträchtigungen im Haushalt kommen. Im schlimmsten Fall kann ein defekter Hydrant die Löschwasserversorgung im Brandfall verzögern, weil erst der nächste Hydrant genutzt werden kann. Diese unnötigen Risiken zeigen, dass es notwendig war und ist, die Infrastruktur schnell und konsequent zu modernisieren. Hinzu kommt ein massiver Wasserverlust: Bis 2021 gingen jährlich mehr als 100 Millionen Liter Trinkwasser unbemerkt im Boden verloren. „In einer Zeit, in der Wasser knapper und kostbarer wird, können wir uns eine marode Infrastruktur mit diesen enormen Verlusten nicht mehr leisten. Das ist für mich ein unhaltbarer Zustand“, betont Bürgermeister Milan Mapplassary. „Jahrzehntelang wurde vor allem in Notreparaturen investiert, ohne eine langfristige Strategie zur Erneuerung des Netzes zu verfolgen. Der daraus entstandene Sanierungsstau beträgt inzwischen mehr als 20 Jahre.“
Rechtlicher Rahmen: Kostendeckung ist Pflicht
Die Erhöhung der Wassergebühren ist nicht Ausdruck politischer Willkür oder ein freiwilliger Vorschlag, sondern Folge klarer gesetzlicher Vorgaben. Das Hessische Gesetz über kommunale Abgaben schreibt vor, dass Wassergebühren kostendeckend kalkuliert werden müssen. Das heißt: Die Kostendeckung im Gebührenhaushalt ist verpflichtend, nicht optional. Wichtig ist zudem die Trennung von Haushalts- und Gebührenrecht: Grundlage der Gebührenkalkulation sind nämlich die tatsächlichen IST-Zahlen, nicht die Planansätze des Haushaltsplans. Entstehen Unterdeckungen oder Überschüsse, müssen diese innerhalb von fünf Jahren über die Gebühren ausgeglichen bzw. zurückgegeben werden. Dieser Prozess führt dazu, dass Gebührenanpassungen oft zeitverzögert erfolgen.
Für den abgelaufenen Kalkulationszeitraum 2022/2023 ist in Birkenau eine Unterdeckung von rund 920.000 Euro entstanden. Diese Summe muss nun bis 2027 über die Gebühren ausgeglichen werden. Ähnlich wie bei einer Nebenkostenabrechnung: Wurden im Voraus nicht genug Abschläge bezahlt, wird eine Nachzahlung fällig.
Ein wesentlicher Grund für diese Unterdeckung liegt neben den zahlreichen Rohrbrüchen in den stark gestiegenen Kosten für Rohstoffe, Energie und Bauleistungen infolge internationaler Krisen – insbesondere des Ukrainekriegs. Als die Gebührensätze im Jahr 2021 für den Zeitraum 2022/2023 berechnet wurden, waren diese Preissteigerungen in diesem Ausmaß noch nicht absehbar. Gleichzeitig wurden bereits notwendige Investitionen fertiggestellt oder angestoßen, um langfristig Kosten zu sparen und die Versorgung sicherzustellen. Dazu zählen etwa der Bau des Hochbehälters Löhrbach, Maßnahmen am Sandbuckel Schwanklingen, neue Wasserleitungen (u.a. Carlebachmühle, Abtsteinacher Straße), die Umsetzung der Druckerhöhung Heiligenberg sowie die Installierung von Entkeimungsanlagen.
Entscheidungsspielräume – und warum die Gemeindevertretung die jetzige Variante gewählt hat
Innerhalb des strengen rechtlichen Rahmens hat die Gemeindevertretung begrenzte Ermessensspielräume („Wahlrechte“) bei ihrer Entscheidung zur Gebührenfestsetzung. Dazu zählen z.B. die Frage, ob auf Wiederbeschaffungszeitwerte abgeschrieben wird oder wie sich die Gebühren zwischen Grundgebühr und Verbrauchsgebühr aufteilen und weitere Stellschrauben.
Im Haupt- und Finanzausschuss wurden verschiedene Erhöhungsvarianten am 27.11.2025 vorgestellt und ausführlich diskutiert. In diesem Gremium sitzen die finanz- und fachpolitischen Experten der Birkenauer Fraktionen. Am Ende hat sich der Ausschuss für die Variante entschieden, die die entstandene Unterdeckung vollständig ausgleicht. Die Gemeindevertretung hat als höchstes kommunales Entscheidungsorgan in Hessen diese Empfehlung in der Folge am 9.12.2025 bestätigt.
Theoretisch wäre auch eine niedrigere Gebühr in begründeten Fällen möglich gewesen. Dies hätte jedoch bedeutet, bewusst auf Gebühreneinnahmen zu verzichten. Je nach Haushaltslage müssten solche Mindereinnahmen an anderer Stelle kompensiert werden – etwa durch Einsparungen oder höhere Belastungen in anderen Bereichen. In Birkenau müssen neben der Wasserversorgung zahlreiche andere kostenintensive und ebenfalls wichtige Themenfelder bearbeitet werden, von Straßenunterhalt bis zur sozialen Infrastruktur. Jede Entscheidung über Ausgaben und Gebühren muss daher sorgfältig abgewogen werden, um die Versorgung und die Haushaltsstabilität zu sichern. Angesichts der derzeitigen angespannten Haushaltslage in der Gemeinde haben die Gremien sich daher für die nun beschlossene, voll kostendeckende Lösung entschieden.
Was Birkenau bereits unternimmt – von der Problembeschreibung zur Lösung
Bürgermeister Mapplassary hat in den vergangenen Jahren wichtige Weichen gestellt, um aus einer reinen Mangelverwaltung auszusteigen und die Wasserversorgung systematisch zu modernisieren.
Was bedeutet das konkret? Parallel zur Gebührendebatte arbeitet die Gemeinde seit 2022 daran, die Wasserversorgung grundlegend und konsequent zu erneuern und Wasserverluste zu senken. Durch den Einsatz moderner Messtechnik wie Datenloggern konnten Leckagen gezielt aufgespürt werden. So wurde der nächtliche Wasserverlust im Ortsteil Reisen von zuvor ca. 4000 Litern pro Tag auf null reduziert – und das seit nahezu zwei Jahren. Das Wasserrechtsverfahren zur Sicherung der Birkenauer Wasserrechte wurde 2022 eingeleitet und abgeschlossen, sodass die rechtliche Basis für die künftige Grundwasserentnahme für die nächsten 20 Jahre gesichert ist. Außerdem werden die störfälligen Hydranten (etwa 20 Prozent) sukzessive ersetzt, was den Brandschutz für die Bevölkerung deutlich erhöht. All diese Maßnahmen werden auf Grundlage eines langfristigen Instandhaltungs- und Investitionsplans umgesetzt, der Teil eines umfassenden Wasserkonzeptes ist.
Hierzu zählen auch größere Maßnahmen wie die Erneuerung der Wasserleitung in der Ortsdurchfahrt Birkenau sowie der Quellkammer und des Druckminderschachts Löhrbach, die angestoßen wurden.
Diese Investitionen sparen langfristig Geld, weil teure Notmaßnahmen entfallen, die Versorgung zuverlässig bleibt und der Brandschutz jederzeit sichergestellt ist. Warum also der Aufwand? „Jeder Euro, den wir heute in eine moderne Wasserinfrastruktur investieren, erspart uns morgen größere Kosten und Risiken in unseren wichtigsten Bereichen – Wasser und Brandschutz.“, antwortet Mapplassary.
Das Ziel all dieser Maßnahmen ist damit klar: Birkenau will eine effiziente, verlässliche und ressourcenschonende Wasserinfrastruktur aufbauen, die den technischen, ökologischen und rechtlichen Anforderungen der kommenden Jahrzehnte gerecht wird und nachhaltig bezahlbar bleibt.
Umgang mit der Petition zur Wassergebührenerhöhung
Die deutliche Erhöhung der Wassergebühren sorgt in der Bevölkerung verständlicherweise für Diskussionen. Auch Bürgermeister Mapplassary ist persönlich betroffen – nicht nur in seiner Funktion, sondern auch als Bürger und Anwohner. Umso wichtiger ist ihm ein sachlicher, faktenbasierter Dialog. „Ich nehme die Sorgen und Fragen der Bürgerinnen und Bürger sehr ernst. Gleichzeitig müssen wir uns an den rechtlichen Rahmen halten und dafür sorgen, dass wir unserer Verantwortung gerecht werden“ so der Bürgermeister. „Ich werde mich hierzu mit unserem Gemeindevertretungsvorsitzenden natürlich eng austauschen.“
Transparenz und Blick nach vorn
Die Gemeinde Birkenau setzte bereits in der Vergangenheit bei diesem und anderen sensiblen Themen bewusst auf kontinuierliche Transparenz und Aufklärung. Bereits 2022, im ersten Jahr nach seinem Amtsantritt, hat Bürgermeister Mapplassary die kritische Situation der Trinkwasserversorgung im interaktiven Format „Birkenau LIVE“ ausführlich vorgestellt. Es ist jederzeit über den YouTube-Kanal der Gemeinde abrufbar. Im September 2023 hat das Team Wasserversorgung der Gemeindevertretung die marode Infrastruktur und die damit verbundenen Risiken für die Versorgungssicherheit und den Brandschutz detailliert präsentiert. Auch hier ist die Präsentation seitdem im Ratsinfosystem der Gemeinde einsehbar. „Ich will, dass alle – Bürgerinnen und Bürger ebenso wie die politischen Gremien – wissen, wie es wirklich um unsere Wasserinfrastruktur bestellt ist. Dies schafft auch eine Entscheidungshilfe für unsere Gemeindevertretung, um die wichtigen Entscheidungen zu den notwendigen Maßnahmen in diesem Kernbereich treffen zu können“, erklärt der Bürgermeister.
Ebenso verweist er auf einen anderen wichtigen Aspekt in diesem Zusammenhang: „Die Wasserversorgung ist eine anspruchsvolle und herausfordernde Aufgabe im ländlichen Raum und ist gleichzeitig eines der wichtigsten wirtschaftlichen Standortfaktoren für Kommunen. Für ländliche Gemeinden kann eine veraltete Infrastruktur schnell zum Wettbewerbsnachteil werden. Wir in Birkenau haben uns entschieden, dieses Problem aktiv anzugehen.“
Die Gemeinde legt dabei großen Wert auf qualifiziertes Personal und Nachwuchsgewinnung. So zählt einer der Auszubildenden im Bereich Wasserversorgung zu den jahrgangsbesten seines Fachs; die Gemeinde Birkenau wurde zudem von der IHK als Ausbildungsbetrieb in diesem Bereich ausgezeichnet.
Zukunft der Wasserversorgung und Perspektive auf sinkende Gebühren
Trinkwasser und Löschwasserversorgung sind für das Leben und die Sicherheit der Bevölkerung unverzichtbar und die Gemeinde arbeitet jeden Tag daran, dies zuverlässig zu gewährleisten. Die jetzige Gebührenerhöhung ist notwendig, um die gesetzlich vorgeschriebene Kostendeckung zu gewährleisten, den massiven Sanierungsstau anzugehen, die Versorgungssicherheit langfristig zu gewährleisten und teure Notmaßnahmen zu vermeiden. Gleichzeitig ist sie kein Selbstzweck und kein Automatismus für dauerhaft hohe Belastungen.
„Wenn sich die Kosten- und Rahmenbedingungen verbessern und sie es uns möglich machen, wollen wir die Gebühren so schnell wie möglich wieder auf ein reduziertes Maß zurückführen. Das ist mein persönlicher Anspruch und der Anspruch des gesamten Teams der Wasserversorgung“, betont Bürgermeister Mapplassary.
Die Gemeinde Birkenau wird auch in Zukunft offen über den Zustand und die Weiterentwicklung ihrer Wasserversorgung informieren.